Dafür trete ich ein – mit Benedikt Hoechner

(das Interview führte Florian Uschner Ende Juni am Rande der Juso-Landesdelegiertenkonferenz in Halle)

Eine Mate-Flasche steht auf dem Tisch, direkt daneben liegt einladend eine kleine Tüte mit Bonbons, in der ein paar hastige Finger nach der richtigen Geschmackssorte suchen -Zitrone. Der Raum, in dem ich mich mit Benedikt Hoechner von den Jusos Magdeburg am Rande der Landesdelegiertenkonferenz der Jusos-Sachsen-Anhalt zum Gespräch treffe,ist groß und etwas unaufgeräumt.

Vor ungefähr 15 Minuten war dieser noch gefüllt mit jungen Menschen, die sich – obwohl oder gerade weil sie sich in derselben Jugendorganisation einer Partei engagieren –lautstark und mit viel Hingabe über die Richtigkeit von politischen Anträgen stritten.Benedikt ist einer dieser jungen Menschen, die ihre Freizeit opfern, um mit anderenLeuten über Politik zu diskutieren. Wie kommt das? Das möchte ich heute herausfinden.Jetzt ist Mittagspause. Von der hitzigen Stimmung, die eben noch den Raum erfüllte, ist andieser Stelle nichts mehr zu spüren. Draußen vor der Tür wird gelacht, gegessen und sichdie Beine vertreten. Draußen sind es 25° Celsius, der Himmel strahlend blau - also nichtwunderlich, dass der Raum selbst wie leergefegt ist. Auf den Tischen sieht man noch dievielen Zettel, Stifte und Stimmkarten: die Ruhe vor dem Sturm. Das Zeitfenster ist enggestrickt, also möchte ich nach einer kurzen Begrüßung mit dem Interview beginnen.

Foto Benedikt Interview

 

 

Fangen wir mit etwas Einfachem an.

Gute Frage, nächste Frage.

Andere Frage: Wie lange bist du denn schon bei den Jusos?

Seit über 10 Jahren inzwischen schon, ich war so 17 als ich eingetreten bin.

Was hat dich dazu bewegt, zu den Jusos zu gehen?

Warum bin ich bei den Jusos? Meine Mutter war in der SPD und ich hab‘ gesehen: siekann im Gemeinderat etwas bewegen - das interessiert mich auch. Ich stehe nicht gernedaneben und schimpfe dann am Stammtisch über andere, wenn ich vorher nicht selbstetwas versucht habe. So bin ich eigentlich in eine politische Partei eingetreten, könnteman sagen. Zu den Jusos kam ich dann verstärkt noch dadurch, dass meine Muttersowieso schon in der Richtung gepolt war.Gab es ein bestimmtes politisches Thema, das dich besonders gereizt hat, so dassdu gesagt hast „Jetzt trete ich ein“?Es war eher weniger der Inhalt, denn Inhalte sind dann doch sehr verschieden. Also ichbin allgemein ein politischer Mensch der sich gerne einsetzt und Dinge mit beeinflusst, mitverändern möchte.Ausschlaggebend war letzten Endes das Alter, 17 Jahre. Ich wollte mir klar werden, ob ich wirklich in die SPD eintreten und zu den Jusos möchte, weil ich es wirklich will und weil eszu mir passt, oder weil meine Mutter in der Partei ist. Also da den Unterschied zuerkennen war mir sehr wichtig und deswegen hab‘ ich auch lange gezögert, diesen Schritt zu gehen. Es ging eher um ein allgemeines Engagement in der Politik, als um einbestimmtes Thema.

Warst du mittlerweile denn selbst in Gremien aktiv?

Ja, nicht im Gemeinderat oder Stadtrat, aber in der Hochschule bin ich dann richtig aktivgeworden und dann ist es wie gesagt eben nicht dieses eine Thema, auch wenn‚Hochschule‘ jetzt ein Thema wäre.Man ist eben für alle Studierenden da, die zu den unterschiedlichsten Themen dieunterschiedlichsten Interessen haben und für diese sich dann einzusetzen, dafür war ichdann im Fachschaftsrat, bzw. auch im Fakultätsrat und im Senat zusammen mit anderenStudierenden, Mitarbeiter*Innen und Professor*Innen der Otto-von-Guericke Universität.Dort haben wir uns dann für die Interessen der Studierenden eingesetzt.

Gibt es eine Sache, die du während deiner Gremientätigkeit erreicht hast, auf die du besonders Stolz bist?

Ich hab es geschafft, dass die Universität die Seite für die Hochschulwahlen auch ins Englische übersetzt, damit auch internationale Studierende eine Quelle haben, bei der sie sich informieren können.

Wie funktionieren diese Wahlen und was wird überhaupt gewählt?

Diese Informationen waren für ausländische Studierende vorher einfach nicht gegeben und so wurden einfach 20 Prozent der Wahlberechtigten von dieser Wahl ausgeschlossen.

Ein kleiner Switch an dieser Stelle, was bedeutet Politik für dich?

Allgemeines Interesse, also die klassische römische Übersetzung. Sprich, jeder ist Politiker, egal ob er sich Politiker nennt und in einer Partei ist oder sich nur im Sportvereinengagiert, in einer Kirche oder in irgendeinem anderen Verein. Das sind alles politische,gesellschaftliche Angelegenheiten, die für mich alle zur Politik gehören. Über Politiker zuschimpfen bedeutet für mich dann auch, über Leute zu schimpfen, die an mehr als nur ansich selbst denken.Aktuell scheint es unter Jugendlichen ja nicht besonders cool zu sein, politisch zu sein, so zumindest ein gängiges Vorurteil.

Was meinst du, woran das liegt?

Ich glaube, dass liegt an einer Spezialisierung der Politiker, also diese politische Klasse,die in den Parlamenten sitzen. Diese benutzen dann auch eine eigene Sprache, siesprechen von „Wir“ und „Die“, also nicht mehr von Wir alle gemeinsam . „Die“ schließt natürlich auch aus und setzt eine gewisse Distanz zu diesen beiden Gruppen. DieseDistanz muss nicht sein, denn ich finde, dass Politik wesentlich breiter ist. Von den Beteiligten selbst wird aber auf diese kleine Ebene von „Ich bin in den Parlamenten drin,deswegen bin ich Politiker“ beschränkt - und das sollte eigentlich nicht sein.Zweitens ist es natürlich ein Grundgedanke der Demokratie, hier bei uns, dassKompromisse geschlossen werden müssen und wir uns dann sehr oft nicht die Zeitnehmen, diese zu erklären. Kompromisse sind leider notwendig, da man sich inKoalitionen nun mal nicht zu 100 Prozent durchsetzen kann und leider bedeutetKompromiss auch, dass man nicht mit allem zufrieden ist, was dann am Endebeschlossen wird. Entscheidend ist aber, dass wir kleine Schritte in die richtige Richtungmachen. Politische Prozesse sind so häufig eine Art Marathon, in dem manvergleichsweise langsam die Füße voreinander setzt. Das zu akzeptieren fällt vielenLeuten schwer.Benedikt, du hast vorhin beschrieben, dass Politik für dich selbst „beteiligen“beziehungsweise „politisch interessiert zu sein“ bedeutet.

Dazu meine Frage: Wie kann man es schaffen, einen Stimmungswechsel zu erzeugen und zu zeigen, dass sich politisch zu engagieren, ja doch ganz „cool“ sein kann?

Wir Jusos müssen, glaube ich, wieder verstärkt in die Richtung gehen, dass wir Projekte machen, nicht nur Dinge anstoßen und auf Sitzungen darüber diskutieren, obwohl das auch sehr interessant sein kann. Wir müssen „der Macher“ sein. Das, was Menschen aber wirklich begeistert, sind Macher, Menschen die sich engagieren, bei denen man sieht, die machen etwas. Oder in kurz, Menschen, die ihre Ideen auch durchsetzen. Nicht nur, dass die Menschen in der Partei etwas machen, sondern dass die Menschen merken, dermacht etwas für meinen Stadtbezirk, für meine Universität oder auch für die Schule, dabeiist es egal, ob es sich um eine Realschule, ein Gymnasium oder die Berufsschule handelt.Du hast gerade über „begeistern“ gesprochen - darauf möchte ich hinaus. Wenn man über das Wort „cool“ spricht, läuft man häufig Gefahr das genaue Gegenteil zu erreichen.

Daher möchte ich wissen, für welche Themen du dich begeistern kannst,wo möchtest „der Macher“ sein?

Ich denke, ich hab für mich herausgefunden, dass man am ehesten der Macher in seinerunmittelbaren Umgebung wird, also in meinem Fall ist es die Universität, in der man sicheinsetzen kann. Ich möchte mich dafür einsetzen, dass alle Leute die Wahlen verstehenund am demokratischen Prozess teilnehmen können . Wir finden leider auch da die Schwierigkeit, dass sich die Wahrnehmung von Politik auf den Studierendenrat,Fakultätsrat oder auf die Fachschaften beschränkt. Dabei sind die Universität und die Universitätspolitik sehr viel mehr, wir haben an den Hochschulen so viele Vereine,Initiativen und lose Gruppen – ob sie sich nun mit Unternehmensgründungen, dem Börsengeschehen, mit Sport oder mit der Politik selbst beschäftigen. Ich denke dort an Ärzte ohne Grenzen, Ingenieure ohne Grenzen oder auch an ein Uni-Volleyballteam. In dieser unmittelbaren Umgebung sollte man sich engagieren und wirksam sein.Diese Spezialisierung der Politik ist dann wieder in weite Ferne gerückt und man hat einendirekteren Bezug zur Politik an Hochschulen. Wenn sich Politik nur in Gremien abspielt,fällt die Begeisterung dafür natürlich schwer. Denn für mich bedeutet die Universität eingutes Miteinander mit den anderen Studierenden, mit den Professor*Innen und denMitarbeiter*Innen. Es geht darum, dass wir gute Forschung und gute Lehrbedingungenbieten können, aber auch darum, dass die Studierenden Zeit haben, sich Vereine zusuchen und sich nicht hetzen lassen, nach dem Motto „Ich muss diese und jene Kursebesuchen.“

Politisches Engagement ist auch nur ein Form von sozialem Engagement, du sprachst gerade eben von Vereinen, von Clubs und anderen sozialen Institutionen,bist du selbst auch in einem solchen Club aktiv?

Nicht so stark, wie ich gerne wollte, weil mir dann häufig die Zeit fehlt, ich bin allerdings ein aktives Mitglied im studentischen Börsenverein.

Studentischer Börsenverein, darunter kann ich mir relativ wenig vorstellen, erklär doch bitte einmal ganz kurz, was ihr dort genau macht und was du selbst aktiv dazubeiträgst.

Der studentische Börsenverein ist dafür da, allen Interessierten, dafür muss man kein Mitglied sein, das Börsengeschehen näher zu bringen - was für Themen bewegt die Börse oder wie funktioniert die Börse? Da sind auch Themen dabei wie zum Beispiel die Steuerberatung, so dass wir uns damit beschäftigen, wie dieses Steuersystem funktioniert.Ein anderes Beispiel wäre die Altersvorsorge, ist Riester- und Rürup-Rente kompletter Humbug und was sollen wir bei diesen niedrigen Zinsen nun machen. Es geht darum,dass wir ihnen dieses Finanzwissen, das ja da ist, barrierefrei zur Verfügung stellen. Esgeht darum, bei allen Interessenten das Interesse zu wecken.Es geht aber auch um wirtschaftliche Themen, dafür haben wir uns auch schon Ministerund Firmenvertreter eingeladen, die dann ihre Unternehmen und Ihre Unternehmensideenvorgestellt haben. Wir haben also ein recht breites Angebot, von Unternehmen überWirtschaft bis hin zu politischen Themen.

Gibt es denn Schnittstellen zwischen dem Börsenverein und den Jusos?

Bei den Jusos speziell jetzt eher weniger, aber ich würde meinen, sie schließen sich nicht aus und ergänzen sich in vielen Punkten. Der Börsenverein und die Jusos haben danndoch sehr unterschiedliche Perspektiven, wenn wir den 08/15 Juso und das 08/15 Börsenvereinsmitglied gegenüberstellen, so sind die Einsichten und Ideen wohl doch sehr unterschiedlich. Für mich schließt sich das aber nicht gegenseitig aus. Es sind vielmehr zwei Aspekte, die man zusammen betrachten muss. Auf der einen Seite muss man sich selbst, eigenverantwortlich um seine Finanzen kümmern, auf der anderen Seite auf diejenigen Rücksicht nehmen, die eben nicht diese Finanzkraft haben und versuchen als Gesellschaft alle mitzunehmen. Diese beiden Aspekte muss man zusammen betrachten.

Meinst du, die Jusos können vom Börsenverein oder anderen Gruppierungen noch etwas lernen?

Definitiv, Jusos haben viel zu tun, sie lassen sich sehr schnell in sehr viele verschiedene Gremien wählen, dazu kommen komplizierte Parteistrukturen. Das Problem ist, dass die Lasten dann häufig auf zu wenige Schultern verteilt werden und auch für diese Personen hat der Tag dann nur 24 Stunden. Die Zeit zwischen Studium, Arbeit, Familie, Freundenund sozialem Engagement aufzuteilen, gleicht dann häufig der Quadratur des Kreises.Im Gegensatz dazu schafft es der Börsenverein jede Woche einen hochkarätigen Vortragzu bekommen, bei dem 30 oder 40 Gäste anwesend sind. Unterschiedliche Leute zu unterschiedlichen Themen. Der Börsenverein ist immer gut besucht und hat eine enorme Reichweite. Die Wahrnehmung ist, wenn nicht universitätsweit, dann zumindest fakultätsweit gegeben. Dieses Organisationstalent, jede Woche einen Vortrag hinzubekommen, einen Referenten einzuladen - das könnte man vom Börsenvereindurchaus lernen. Das würde dann die Jusos auch deutlich interessanter machen, wenn einfach häufiger lockere Vorträge gehalten werden. Es muss ja nicht immer eine große Konferenz sein. Einfach eine kleine Veranstaltung mit 30, 40 Leuten - das kann schon erfolgreich sein, wenn es nachhaltig organisiert ist.

Benedikt, ich danke dir.

Gern geschehen.